Aufgespießt: Schuld sind immer die anderen

Aufgespießt: Schuld sind immer die anderen

Aufgespießt: Schuld sind immer die anderen

Vom Versagen mancher Firmenbosse in der Krise

Es gibt viele negativen Schlagzeilen im Mai 2020: „TUI streicht weltweit 8.000 Stellen“, „Voith schließt sein Werk in Sonthofen“, „VW plant Dividende trotz Kurzarbeit“. Doch daneben gibt es auch Lichtblicke: „Würth steigert Onlineumsatz um 26 %“, „Liqui-Moly-Chef verzichtet auf sein Gehalt und zahlt stattdessen eine Prämie an seine Mitarbeiter“, „Springer verzichtet auf staatliche Zuschüsse, um sein Recht auf Meinungsfreiheit nicht zu verwirken“.

Während die einen die Krise als Ausrede zu nutzen für ihre desolate Situation, machen andere unbeirrt weiter, weil sie sowohl ihr Geschäftsmodell breiter aufgestellt, als auch für bessere betriebswirtschaftliche Grundlagen gesorgt haben.

Die Börse entlarvt gnadenlos
Die Börse spiegelt das Vertrauen in die Kompetenz der Vorstände schonungslos wider. Denn sobald Visionen aufgetischt werden, wohin die Reise gehen kann und wie hoch die möglichen Gewinne sein können, springt die Phantasie an und es wird eifrig gekauft. Das Vertrauen in die Künste der Vorstände als Schönwetterpiloten scheint riesig.

Doch sobald ein kleiner Rückschlag kommt, werden die Aktien abgestoßen. Warum? – Weil das Vertrauen in die Künste der Vorstände als Schlechtwetterpiloten ausgesprochen klein ist.

Wie sich dieser Tage wieder herausstellt, durchaus zu Recht. Die einen, und dazu zählt auch die Lufthansa, haben so hohe Fixkosten angehäuft, dass ein paar Wochen Umsatzausfall sofort existenzbedrohende Auswirkungen haben, die anderen haben nur so geringe Rücklagen, dass sie ohne die Hilfe Dritter keine drei Monate durchstehen können.

Staatliche Hilfen oder Turnaround in Eigenregie
Für ihre schlechte Unternehmensführung werden diese Unternehmen dann auch noch mit staatlichen Mitteln belohnt, weil sie ja systemrelevant sind. Doch genau genommen sind nur die Unternehmen systemrelevant, die Vorstände jedoch nicht. So ist der Gedanke, dass eine Inanspruchnahme staatlicher Mittel den sofortigen Austausch der obersten Führungsebene einschließlich der Aufsichtsräte nach sich ziehen sollte, gar nicht so abwegig.

Das wäre gegenüber den unzähligen, redlichen, auf ihre Rücklagen und Ersparnisse zurückgreifenden Unternehmen und Selbständigen ein Zeichen. Denn die sind vielerorts die Dummen. Sie greifen jetzt das Polster an, das sie über die Jahre in der Firma aufgebaut haben, während die anderen sofort lautstark um staatliche Hilfe flehen und sie auch bekommen.

Dabei wäre es zunächst einmal die Pflicht, nach Märkten und Lösungen Ausschau zu halten, die neues Geschäft ermöglichen. Denn, auch wenn im Kernmarkt die Nachfrage einbricht, so ist doch die Verkaufsmaschinerie, also der Vertrieb, in den Unternehmen kerngesund und scharrt mit den Hufen nach neuen Aufgaben. Diese Möglichkeit wird sträflich vernachlässigt. Stattdessen wird gleich mit der Gießkanne verteilt und der Wettbewerb dramatisch verzogen zulasten derer, die ihre Unternehmen in den letzten Jahren erfolgreich geführt haben.

Es gibt zig Beispiele, die zeigen, dass ein Turnaround in so einer Situation bereits in kurzer Zeit möglich ist. Und zwar nicht nur bei digital gut aufgestellten Unternehmen oder bei Unternehmen, die jetzt auf To-Go-Lösungen umgestellt haben.

Duchstarten oder abspecken?
Natürlich gehen nicht alle Unternehmen unbeschadet durch die Krise. Doch zwischen der sofortigen staatlichen Unterstützung und der Ankündigung von unkreativen Cost-Cutting-Maßnahmen gibt es eine Vielzahl anderer Varianten.

  • In der Bodenseeregion hat sich bereits vor Jahren ein Maschinenbauer damit beschäftigt, mit einem eigenen Start-up die Zeiten von Entwicklung, Serienreife und Markteinführung radikal zu verkürzen. Mit Erfolg, denn statt der üblichen 5 Jahre waren nur noch 7 Monate nötig.
  • Die Fa. Haier arbeitet mit kleinen Teams, die aus 8 bis 12 Mitarbeitern bestehen, um näher am Markt zu sein und sich an veränderte marktbedingungen sofort anpassen zu können. Das ist erstaunlich, denn Haier ist ein Weltkonzern mit 70.000 Mitarbeitern.
  • Ernst Prost von Liqui Moly empfindet die Krise als motivierende Inspiration, um über sich hinauszuwachsen. Er engagiert sich für seine weltweiten Kunden, denen es momentan nicht so gut geht, über die Maßen.
  • Nicht zu vergessen Herbert Magidson, den Vorstandsvorsitzenden von Moldex-Metric, der seine Produktion binnen weniger Wochen von Büstenhalterschalen auf Gesichtsmasken für Industriearbeiter umstellte. Er hätte damals in den 70ern auch alles stilllegen können, als sein Geschäftsmodell von einem Tag zum anderen zusammenbrach. Doch er startete neu durch wie Phoenix aus der Asche. Übrigens produziert Moldex ganz aktuell neben den Industriemasken auch Masken für den Schutz vor dem Corona-Virus.

Bleibt zu hoffen, dass sich viele Unternehmen in dieser schweren Rezession ein stückweit neu erfinden, um dem Sog der Krise zu entkommen, und auf die unkreativen Methoden mancher Firmenbosse verzichten.

 

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Christian KalkbrennerÜber den Autor
Christian Kalkbrenner, Dipl.-Kfm. (univ.), ist Strategieberater aus Überzeugung. Mit 15 Jahren Erfahrung im Bereich Krise- und Restrukturierung und 13 als prämierter Wachstumsberater zählt er zu den Kompetenzführern seines Faches. Er weiß worauf es jetzt ankommt.

Als kreativer Kopf hat er ein eigenes Strategieverfahren entwickelt, den Bambus-Code®, für den er mit dem „Großen Preis des Mittelstandes“ ausgezeichnet wurde. Mit neun Fachbüchern, vielen Fachartikeln und Vorträgen zählt er zu den echten Experten seines Faches.

 

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