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Der mit der Brechstange

Wie Twitter auch anders gehen würde

Weil Restrukturierung lange Zeit zu meinen Hauptaufgaben als Berater zählte, bevor ich mich auf das Feld Wachstum und dann auf Wertschöpfung konzentrierte, hat der Fall „Twitter & Musk“ mein Interesse geweckt. Und ich habe mich mal näher mit den Geschäftszahlen beschäftigt. Es ist ein Graus! Seit 2013 geht es bei Twitter nur um Userzahlen und deren Zunahme. Rentabilität scheint keine große Rolle zu spielen. Dividende? Fehlanzeige! Das Management beherrscht die fatale Kunst, Umsatz und Kosten parallel zu steigern, statt Umsatz und Gewinn. – Insofern ist Musks Entscheidung, sich gleich von der Führungsriege zu trennen, notwendig und richtig.

Was aber wundert, ist das Interesse an einem wirtschaftlich wenig erfolgreichen Unternehmen und die bereitschaft, es zu einem überteuerten Preis zu erwerben.

Welcher Unternehmer würde ein Unternehmen mit diesen Kennzahlen erwerben? Und vor allem: welche Banken würden so einen Deal finanzieren?

Unter Freunden wären vermutlich 30 Mrd. Dollar schon zu viel gewesen. Zu einem Kaufpreis von 44 Mrd. Dollar fehlt jeder Bezug. Da musste Musk wohl die Suppe auslöffeln, die er sich selbst durch vorschnelle Verlautbarungen eingebrockt hat. – Oder ihm ist die Möglichkeit der Meinungsmache, verbunden mit einem hauseigenen Spachrohr, diese Investition wert. Betriebswirtschaftlich macht es keinen Sinn. Da gäbe es ganz sicher attraktivere Möglichkeiten.

Wenn man mit dem Target Ansatz an die GuVs rangeht, sieht man, dass die Verluste (Umsatzrendite) vor Steuern im Schnitt bei 15 % liegen, also bei rund 750 Mio. USD. Sinnvoll für ein Unternehmen wie Twitter wären eigentliche eine Umsatzrendite von plus 15 %. Es fehlen also rd. 1.500 Mio. USD, um Twitter attraktiv rentabel zu machen. Twitter hatte laut Statista im Jahr 2021 gut 360 Mio. Nutzer.

Wenn man nun möglichst viele User behalten möchte, muss die monatliche Abo-Gebühr verkraftbar sein, beispielsweise bei 3 USD pro Monat liegen. Geht man davon aus, dass 75 % der Nutzer diesen Betrag akzeptieren, spült es hier rund 810 Mio. USD zusätzlich jährlich herein. Damit wäre schon einmal der Verlust gedeckt und ein kleiner Gewinn erwirtschaftet. Für 15 % Gewinn fehlen jedoch noch 690 Mio. USD. Und dazu müssen wir an die Personalkosten.

Bei einem angenommenen Jahresgehalt von 75.000 USD je Mitarbeiter, müssten 920 Mitarbeiter abgebaut werden. Dann ließen sich exakt 690 Mio. USD einsparen. Soweit die Theorie, in der Praxis dauert die Wirksamkeit der Personalkostenschraube ein paar Monate länger. Doch die Richtung stimmt.

Eine Summe von 920 bis 1.000 Mitarbeiter ist absolut gesehen immer noch sehr hoch. Doch prozentual sind das ca. 12-13 % der ehemals 7.500 Twitter-Beschäftigten. Immer noch eine hohe Zahl, die bei Restrukturierungen allerdings durchaus normal ist. Denn so wird die Balance zwischen einer deutlichen Kostensenkung und einem halbwegs verkraftbaren Know-how-Abfluss noch einigermaßen gewahrt. Und: die Anzahl liegt weit unter den 50 %  der Mitarbeiter, die Musk entlassen hat.

Die beiden Stellschrauben zeigen, dass Musk, unabhängig von der unhaltbaren und skandalösen Art der Durchführung der Entlassungen, weit übers Ziel hinausgeschossen ist. Hinzukommt, dass bis heute jede Art von Vision fehlt. Wo soll die Reise hingehen? Warum soll es sich lohnen, an dem Projekt Twitter weiter zu arbeiten? Ich kann mir nicht vorstellen, dass es aktuell bei Twitter viele Mitarbeiter gibt, die Lust auf die Zukunft haben. Denn jeder hat gemerkt, wie unwichtig er für die Firma ist.

Langer Rede, kurzer Sinn: Die Brechstangen-Aktion und das Zurücklassen von extrem viel verbrannter Erde macht nur Sinn,

  1. wenn sich Musk dafür rächen möchte, dass er aus dem überteuerten Kauf nicht mehr rauskam,
  2. wenn es Musk auf die manipulierende Hauspostille ankommt, egal, was sie abwirft oder,
  3. wenn Musk meint, dass er alles schaffen kann, was er will. In einem Anflug von Selbstüberschätzung.

Aus heutiger Sicht lässt sich das noch nicht beantworten. Wir werden sehen, wo die Twitter-Reise hingeht.

Doch was wir jetzt wissen ist, dass Musk extrem schnell Standorte und Menschen „über die Wupper“ springen lassen kann. Ohne Rücksicht auf Verluste. Das ist unangenehm, aber wichtig zu wissen.

 

Quelle: https://www.boerse.de/fundamental-analyse/Twitter-Aktie/US90184L1026#:~:text=Twitter%20erzielte%20im%20Gesch%C3%A4ftsjahr%202021,bei%2051%2C97%20Prozent%20lag
abgerufen am 8. November 2022

 

Christian KalkbrennerÜber den Autor
Christian Kalkbrenner, Dipl.-Kfm. (univ.), ist Strategieberater aus Überzeugung. Mit 15 Jahren Erfahrung im Bereich Krise- und Restrukturierung und über 15 als prämierter Wachstumsberater zählt er zu den Kompetenzführern seines Faches. Er weiß worauf es jetzt ankommt.

Als kreativer Kopf hat 2007 er ein eigenes Strategieverfahren entwickelt, den Bambus-Code®, für den er mit dem „Großen Preis des Mittelstandes“ ausgezeichnet wurde. Mit neun Fachbüchern, vielen Fachartikeln und Vorträgen zählt er zu den echten Experten seines Faches. Mit der „Wertschöpfleiter“ geht er nun den nächsten Schritt.

 

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